TEDx Essen 2025 stage
20. Januar 2026

TEDx live zur „Impactful Presence“: Profi-Einsichten mit Aha-Momenten

„Ideas worth spreading“ – Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden. Das ist seit 1984 der Anspruch von TED Talks. Was als Konferenz für Technology, Entertainment und Design begann, umfasst längst auch Business, Kultur, Kunst und Wissenschaft sowie global bedeutsame Themen. Jede Idee wird in knapp 18 Minuten auf den Punkt gebracht. Seit 2009 gibt es weltweit zahlreiche lokale TEDx-Events.

Ich war unter den Zuschauern beim TEDx Essen unter dem Motto „Impactful Presence“ – mit dem Ziel „einer besseren Zukunft“. Als Präsentations-Trainer und Speaker interessiert mich besonders, was Rhetorik, Auftreten, Souveränität, Kompetenz und Persönlichkeit der Redner ausmachen – und wie das auf das Publikum wirkt. Hier teile ich meine wichtigsten Eindrücke.

 

Musik, Sound und Stille erzeugen Wirkung

Der erste Redner eröffnet musikalisch: Er singt, spielt Gitarre und Piano. Mit Gesang schafft er sofort Publikumsnähe und erhöht die Bühnenpräsenz. Überhaupt spielt Rhythmus eine besondere Rolle: Eine Rednerin sagt „Präsenz ist Rhythmus“, ein weiterer startet mit „Es gibt Klänge, die dich nie mehr loslassen“.

Manche Redner kommen ganz ohne PowerPoint aus. Eine Rednerin nutzt Stimmvarianz als dramaturgisches Element; das Publikum summt im Kanon „Bruder Jakob“ mit. Am Ende ihres Vortrags teilt sie sechs handfeste Tipps, darunter: „Ersetze Urteile durch Neugierde.“

Besonders stark ist die Stille: Zehn Sekunden auf der Bühne zu stehen, ohne ein Wort zu sagen, erfordert Mut und sorgt für eindrucksvolle Präsenz. So wird das Event gerahmt – nicht als Showeffekt, sondern als Brücke zur Botschaft. Stille öffnet den Raum, in dem Menschlichkeit entsteht. Stimme und Stille werden zur Führung.

 

Storytelling, Humor und authentische Haltung

Fast alle TEDx Talks enthalten persönliche Geschichten vom Werdegang bis zu Konflikten, die erst im Rückblick Sinn ergeben: „Ich habe gelebt, aber ich war nicht lebendig.“ Solche Sätze bleiben hängen.

Eine Rednerin stellt Autonomie radikal persönlich vor: „Ich hasse Autonomie.“ Sie spricht offen über Ataxie, startet zitternd im Sitzen und steht später auf, um Fragen ans Publikum zu stellen. Ihre Haltung verdichtet sie in einer klaren Formel:

(Haltung + Rebellion) × Relevanz = Wirkung

Wirksame Analogien wie ein Schachbrett mit wechselnden Perspektiven laden ein, im Alltag Verständnis statt Kritik zu üben. Persönliches Storytelling versteckt Verletzlichkeit nicht; das macht Redner glaubwürdig und nahbar.

Humor weckt zusätzlich auf: der augenzwinkernde Vergleich über einen „selbstbewussten Hintern“, die interkulturelle Pointe zu den stets pünktlichen Deutschen („außer bei der Deutschen Bahn“) und die Ironie über Honorare von Straßenmusikern, die über den Gehältern von Professoren liegen. Die Pointen sitzen.

 

Brauchen wir Medien in Vorträgen?

Auch bei TEDx zeigt sich: Je weniger Medien, desto persönlicher und oft wirkungsvoller der Vortrag. Das Risiko beim Medieneinsatz: Technik, die nicht funktioniert. Leider stören wiederholte Mikrofon-Aussetzer die sonst starke Veranstaltung. Viele Redner müssen neu ansetzen, damit sie verstanden werden; eine Rednerin ist wegen gedrosselter Lautstärke kaum zu hören. Bemerkenswert, wie souverän die meisten damit umgehen.

Der nächste Technik-Fauxpas: Ein Redner testet die Internetverbindung offenbar nicht vorab. Weil sie fehlt, erzwingt das eine zehnminütige Pause mitten im Vortrag. Die Live-Demo mit ChatGPT-Prompting verliert zusätzlich Wirkung, weil Prompts am unteren Bildschirmrand kaum lesbar sind – die gut gemeinte Interaktion verpufft.

PowerPoint hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Manche Talks glänzen durch übersichtliche Slides mit wenigen, starken Wörtern und sauber aufbereiteten Daten zur Genre-Abhängigkeit von Spenden an Straßenmusiker:

  • Klassische Musik und Pop sind top
  • Country läuft mittelmäßig
  • Jazz und Rock kommen am wenigsten an
  • Kälte und Sonntage erhöhen die Spendenbereitschaft

Am anderen Ende stehen Textwüsten und zu detaillierte Slides. Die Lessig-Technik (Slides mit radikal reduziertem Text, bekannt aus einem TED Talk von Lawrence Lessig) funktioniert hier nicht, weil die Reduktion nicht weit genug geht.

 

Publikums-Interaktion für besonders starke Momente

Die stärksten Vortragsmomente entstehen im direkten Austausch mit dem Publikum. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großer Befürworter von Interaktionen bin. Beim TEDx Essen erlebe ich unter anderem:

  • Gemeinsame Atemzüge
  • Handzeichen des Publikums
  • Die Einladung, der Sitznachbarin zu sagen: „Du bist genug“
  • Das Mitsummen von „Bruder Jakob“ im Kanon

Mein persönliches Highlight ist ein humorvoller Talk: Im letzten Teil holt der Redner einen Proktologen (Arzt für Darmerkrankungen) auf die Bühne, der fünf alltagsnahe Tipps gibt. Das überrascht, weckt Aufmerksamkeit und verbindet Humor mit praktischem Nutzen, der im Gedächtnis bleibt.

 

Professionelle Kompetenz mit Substanz

Erfolgreiche Vorträge unterhalten und begründen: Inhalte und Statements sind mit nachvollziehbaren Fakten untermauert. Schwächer wirken Beiträge, die Selbstvermarktung über alles stellen und keinen anwendbaren Mehrwert liefern – etwa die ausführliche Vorstellung eines Arbeitsteams vor einem heterogenen Publikum, das mehrheitlich keine KI-Agenten nutzt. Umso stärker überzeugen Vorträge, die konkrete Tipps zur sofortigen Umsetzung mitgeben.

 

Mein Fazit

Es ist ein unterhaltsamer Tag – voll mit praxisnahen Tipps, persönlichen Geschichten und Learnings, die für das Publikum relevant sind. Unterschiedliche Charaktere sorgen für Abwechslung; wer etwas zu sagen hat, bringt bemerkenswerte Botschaften mit.

Die oft streikende Technik zieht sich durch das gesamte Event – umso bemerkenswerter ist, wie souverän fast alle Speaker das meistern. Auch die Doppel-Moderation ist unterhaltsam und teils mitreißend. Für mich steht fest: Das war nicht mein letztes TEDx-Event!